Dresdner Neustadt
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Bei Schatten, Freundin meiner Muße,
Verschliefst du ein Jahrtausend, taub
Dem Licht und seinem holden Gruße,
Im Grabmal bei der Flammen Raub,
In Schutt und Staub.
Nun horchst du wieder Menschenträumen,
Der Nachtluft stillem Atemzug.
Es kommt zu dir aus Blütebäumen
Die Motte, die zu dir im Flug
Begierde trug.
Doch ach, anstatt zu fernen Liedern,
Scheinst du vielleicht bald meiner Gruft;
Den kalten Gruß mußt du erwidern
Der Leichenkerze, statt dem Duft
Der Frühlingsluft.
Die Seele, der dein Licht jetzt funkelt,
Tauscht, kleine Leuchte, dann mit dir
Und wandelt unten, tief umdunkelt,
Indes du oben leuchtest hier
Und zeugst von ihr.
Kommt dann ein Schmetterling geflogen,
Fragst du, wo ist der Freund denn jetzt,
Mit dem ich oft Gespräch gepflogen,
Der spät sich noch zu mir gesetzt
Und mich genetzt?
Nein, wache nur ob einem Schlummer,
Der Tagesmühen unterbricht!
In Traum versinke Gram und Kummer -
Du traute Leuchte, holdes Licht,
Erlisch noch nicht!
Quelle:
Reiseblätter - Ausgewählte Gedichte - Hermann von Lingg - 1854
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