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Blinde Fenster.

Der Sommer, in dem es pausenlos tropfte.

Geheimnisse Nieselburgs

Der Regen in Nieselburg fiel in dünnen, silbrigen Fäden auf das Kopfsteinpflaster. Wasser tropfte schwer von den Dächern der Fachwerkhäuser, rann durch die engen Gassen und sammelte sich in den Fugen der Plastersteine. Die Luft roch nach feuchtem Holz und nassem Laub, nach Tinte und altem Papier, das in den Fenstern der Buchhandlungen ausgebreitet lag. Hinter den regennassen Fassaden schlummerte eine Stadt voller Legenden. Die Fenster der Häuser, blind vor Dunst und Tropfen, verbargen Schattenspiele vergangener Zeiten. Der Marktplatz, wie ein nasser Spiegel zwischen den Gebäuden, und jeder Schritt auf den Pflastersteinen patschte, wurde verschluckt vom Regen. Am Ende der Weidenstraße ragte die alte Bibliothek auf. Ihr Dach neigte sich unter dem Regen, hinter den bleiverglasten Fenstern huschten Schatten. Bücher mit abgegriffenen Ledereinbänden schlummerten in den hohen Regalen, staubige Seiten voller vergessener Namen und verblichener Karten. Eine davon trug den Titel „Nieselburgs vergessene Geschichten“. Kinder hatten sie an regnerischen Tagen mit kalten Fingern aufgeschlagen, hatten zwischen den Zeilen Geheimnisse entdeckt, die längst keiner mehr kannte. Im flackernden Licht der Laternen blieben nur die Wissensdurstigen stehen. Die anderen eilten unter tiefen Kapuzen weiter, ließen den Regen über sich hinwegziehen. Er war ein ewiger Begleiter in Nieselburg.

Der geheimnisvolle Nachbar.

Der Regen war ein Nieselburger Regen. Er war eine Konstante, ein allgegenwärtiges Tappen auf Fensterbänken, ein leises Murmeln in den Rinnen, ein Wispern, das in den alten Schindeldächern hängen blieb. Der Sommer 1985 begann, wie jeder Sommer hier, mit tropfenden Straßen, Pfützen, die sich spiegelglatt über das Pflaster legten, und Nebelschwaden, die durch die engen Gassen krochen. Timmy zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht, während er durch das hohe, nasse Gras am Wegrand stapfte. Lisa schob sich die beschlagenen Brillengläser hoch, und Ben hüpfte mit einem befriedigenden Platschen von einer Pfütze in die nächste. Sie alle kannten den Ort, zu dem ihre Schritte sie führten. Das alte Haus am Ende der Straße, das sich hinter knorrigen Weiden versteckte. Herr Grauwolf lebte dort. Oder besser gesagt, er existierte dort. Die Kinder hatten ihn kaum gesehen, nur schemenhaft hinter den Fenstern. Sein Haus stand still und stumm, eingehüllt in das monotone Trommeln des Regens. Die Fensterläden klapperten, das Holz der Tür war verwittert, und wenn man nachts vorbeiging, meinte man manchmal, ein entferntes Rascheln zu hören, oder das leise Knarren von Dielen. „Diese Tür geht nie auf“, murmelte Timmy und blies seinen Atem in die feuchte Luft. „Die Fenster schon“, stellte Lisa fest. „Zumindest eines.“ Es war wahr. Das Haus selbst wirkte, wie vor langer Zeit in den Schlaf gefallen,nur eines seiner Fenster blieb immer einen Spalt offen. Selbst bei Sturm, selbst bei den schlimmsten Regengüssen. Warum? „Vielleicht ist er ein Spion“, schlug Ben vor. „Oder ein Vampir“, ergänzte Timmy mit verschwörerischer Stimme. Lisa seufzte und verschränkte die Arme. „Oder einfach jemand, der frische Luft braucht.“ Doch das reichte ihnen nicht. Sie wollten es wissen. Sie mussten das Rätsel lösen. Und so begann in jener verregneten Stadt, in jenem endlos nassen Sommer, ihre erste richtige Mission.

Die Geburt des Detektivclubs.

Lisa zog das Fenster des Gartenhauses auf. Die Luft war schwer vom Regen, die Holzbalken rochen nach Feuchtigkeit und altem Papier. In der Ecke stapelten sich Bücher mit abgenutzten Einbänden, Detektivgeschichten voller Geheimnisse, die ihre Vorbilder waren. Auf dem kleinen Holztisch stand eine alte Schreibmaschine, deren Tasten klebten, aber sie funktionierte, mehr oder weniger. „Hier“, verkündete Timmy und breitete eine Karte von Nieselburg aus. Sie war alt, vergilbt an den Rändern, und hatte diesen modrigen Geruch, wie ihn alte Karten haben. „Das ist unsere Stadt. Und das hier ist unser erster Fall.“ Er tippte mit dem Finger auf das Haus am Rand der Karte. Neben dem handschriftlich eingekreisten Grundstück prangte ein rotes Kreuz. „Missionszentrale“, flüsterte Ben ehrfürchtig. Lisa zückte ihren Bleistift. „Wir brauchen Regeln“, sagte sie und fing an zu schreiben. Regeln des Nieselburg-Detektivclubs: Jede Mission wird sorgfältig geplant. Kein wildes Herumgerenne, keine unnötige Aufmerksamkeit. Notizen sind Pflicht. Jeder Hinweis wird dokumentiert. Niemand handelt alleine. Falls jemand geschnappt wird, leugnet er alles. Niemand bricht ein, stiehlt oder macht sonst etwas Illegales. (Dieser Punkt wurde nach Timmy dreimaligem Stöhnen extra hinzugefügt.) Geheimhaltung ist oberstes Gebot. Lisa setzte den Punkt druinter. „Unterschreiben“, sagte sie und schob das Blatt über den Tisch. Timmy kritzelte seinen Namen, Ben malte einen großen Haken, Lisa schrieb ordentlich und pfeilgerade. „Wir brauchen einen Eröffnungsspruch“, überlegte Timmy. Ben reckte die Faust. „Auf ewig dem Geheimnis verpflichtet!“ Lisa und Timmy tauschten einen Blick. „Naja, geht so“, meinte Lisa. „Dann eben: Nieselburgs Schatten, wir sind bereit!“, schlug Timmy vor. Lisa zuckte mit den Schultern. „Besser.“ Sie stellten sich im Halbkreis auf, hoben die Hände und riefen leise, aber feierlich: „Nieselburgs Schatten, wir sind bereit!“ Der Nieselburger Detektivclub war geboren.

Operation Fensterblick.

Timmy, Lisa und Ben hockten hinter der alten Steinmauer am Ende der Gasse. Der Regen hatte die Erde in Matsch verwandelt, ihre Gummistiefel sanken leise in die Pfützen. Vor ihnen erhob sich das Haus von Herrn Grauwolf, grau wie der Himmel, mit verwitterten Holzläden und einem Dach, das längst vergessen hatte, wie trockene Tage sich anfühlen. Lisa klappte ihr Notizbuch auf. „Beobachtungstag eins. Subjekt: Herr Grauwolf. Ziel: Klärung des offenen Fensters.“ Ben setzte sein Fernglas an. „Fenster halb offen. Bewegung: Keine.“ Timmy zog sein altes Fernglas aus dem Rucksack, das mehr Kratzer als Glas hatte. Er spähte durch die milchige Linse und flüsterte: „Warum lässt er es auf? Selbst bei Sturm? Selbst bei diesem Wetter?“ Lisa notierte: Frage ungeklärt. Sie beobachteten. Vormittags. Nachmittags. Sogar spätabends. Das Licht hinter den Fenstern flackerte und der Regen prasselte auf die Dachschindeln. Sie sahen nichts. Kein Schatten, kein Vorhang, der sich bewegte. Nur das Fenster, das still in der Dunkelheit lag. Am dritten Tag brachte Timmy eine Theorie ein. „Vielleicht ist es eine Falle. Oder ein Zeichen. Vielleicht sendet er geheime Botschaften an Spione.“ Lisa verdrehte die Augen. „Oder er mag frische Luft.“ „Selbst im Regen?“ fragte Ben. Lisa zuckte mit den Schultern, schrieb aber: Spionage nicht ausgeschlossen. Es war Ben, der endlich die erste echte Entdeckung machte. Er saß mit dem Fernglas auf dem Bauch und kaute an einem Stück Lakritz, richtete sich urplötzlich auf. „Ich hab was gesehen.“ Lisa und Timmy rückten näher. „Was denn?“ Ben deutete auf das Fenster. „Er bewegt sich im Zimmer. Aber er macht kein Licht an.“ Lisa runzelte die Stirn. „Dann sieht er im Dunkeln. Oder…“ Timmy vollendete den Satz. „Er braucht kein Licht.“ In ihren Köpfen formte sich ein neues Bild von Herrn Grauwolf zu. Ein Bild, das mehr Fragen aufwarf, als sie zuvor hatten.

Enthüllung der Wahrheit.

Der Regen prasselte weiterhin auf das Pflaster, lief in dunklen Strömen die Rinnen hinab und sammelte sich in schillernden Pfützen. Der Himmel hing tief über Nieselburg, und selbst das Licht der Straßenlaternen verlor sich in den triefenden Fassaden. In ihrer Beobachtungsposition, versteckt hinter einer alten Gartenmauer, kauerten Timmy, Lisa und Ben, klatschnass, aber entschlossener denn je. „Da“, flüsterte Ben und riss Timmy am Ärmel. „Er bewegt sich wieder.“ Lisa schob ihr Fernglas zurecht. Das Zimmer hinter dem offenen Fenster lag im Halbdunkel. Schatten zogen über die Wände, die Gestalt von Herrn Grauwolf bewegte sich langsam durch den Raum. Er hob die Hände, taste nach etwas in der Luft. Dann blieb er stehen, den Kopf leicht zur Seite geneigt, lausche einem Geräusch, das nur er hören konnte. „Er macht nichts“, murmelte Timmy. „Doch“, sagte Lisa. „Er hört zu.“ Minutenlang verharrten sie in ihrer Deckung. Der Regen verstärkte sich, prasselte lauter auf die Dächer. Eine Windböe ließ die alten Fensterläden ächzen. Doch Herr Grauwolf stand regungslos da, sein Gesicht dem offenen Fenster zugewandt. Lisa runzelte die Stirn. „Er verlässt das Haus nie. Er macht kaum Licht. Und er…“ Sie hielt inne, sortierte ihre Gedanken. „Er sieht nicht“, beendete Timmy den Satz. Ein Schauer lief Ben über den Rücken. „Er ist blind?“ Unvermittelt ergab alles Sinn. Das geöffnete Fenster war kein Zufall. Es war sein Ohr zur Welt, sein Weg, die Stadt wahrzunehmen, die er nicht mehr sehen konnte. Der Regen, der in Nieselburg niemals gänzlich aufhörte, war für ihn kein Ärgernis, er war eine Landkarte aus Geräuschen. Lisa schluckte. „Er hört, was wir sehen.“ Sie ließen ihre Ferngläser sinken. Der Wind trug das entfernte Rattern eines vorbeifahrenden Wagens zu ihnen, das Klappern eines Fensters, das leise Summen von Stimmen aus einem Café. Und hinter dem blinden Fenster von Herrn Grauwolf stand ein Mann, der die Welt nicht durch seine Augen, sondern durch jeden Laut, jedes Echo, jede Bewegung des Regens erfasste. Es war kein Mysterium mehr. Es war eine Wahrheit, die leiser war als jede Entdeckung zuvor, aber viel größer, als sie es erwartet hatten.

Eine unerwartete Freundschaft.

Der Regen hatte nachgelassen, doch das Pflaster glänzte feucht, und die Luft roch nach nassem Holz und Erde. Timmy, Lisa und Ben standen vor der Tür von Herrn Grauwolf. Ihre Schuhe waren durchnässt, ihre Mäntel schwer von Feuchtigkeit. Doch nichts hielt sie zurück. Timmy hob die Hand, zögerte, atmete tief ein und klopfte endlich an. Ein dumpfer Hall vibrierte durch das alte Holz. Sekunden verstrichen. Die Kinder hielten den Atem an. Dann hörten sie Schritte, leise und gleichmäßig. Die Tür öffnete sich langsam, ein Spalt nur, bevor eine raue Stimme die Stille durchbrach. „Ihr habt lange gebraucht.“ Lisa blinzelte verwirrt. „Sie wissen, dass wir hier sind?“ Herr Grauwolf schmunzelte. „Seit Tagen. Ihr seid nicht so leise, wie ihr denkt.“ Ein Kribbeln lief ihnen über die Haut. Ben wollte fragen, woher er es wusste, aber dann begriff er es. Die platschenden Pflastersteine, das leise Rascheln ihrer Jacken, selbst der Atem, den sie anhielten, Herr Grauwolf hatte alles gehört. „Kommt rein“, sagte er schließlich. Zögernd betraten sie den Flur. Das Innere des Hauses war anders, als sie es sich vorgestellt hatten. Es war kein verstaubtes Verlies voller Schatten. Es war warm, roch nach Tee und altem Papier. An den Wänden hingen Bilder, aber keine neuen. Vergilbte Leinwände mit feinen Pinselstrichen, die Landschaften zeigten, so lebendig, als würde der Wind durch die Blätter wehen. „Sie haben diese Bilder gemalt?“ fragte Lisa ehrfürchtig. Herr Grauwolf nickte und tastete sich langsam zu einem alten Sessel. „Ja. Damals, als ich noch sehen konnte.“ Die Kinder sahen sich an. Zum ersten Mal war er nicht mehr nur der geheimnisvolle Nachbar. Er war jemand mit einer Geschichte, die sie nicht kannten. „Setzt euch“, sagte er. „Ich habe viele Geschichten zu erzählen.“ Und so begann etwas, das weit mehr war als eine Detektivmission. Es wurde eine Freundschaft, geboren aus Neugier, gewachsen in Worten und Bildern, und stärker als der Regen, der draußen fiel.

Graue Legenden

Herr Grauwolfs Hände ruhten auf dem Rand seiner Teetasse. Der Dampf stieg in dünnen Schlieren auf, mischte sich mit dem gedämpften Licht der alten Stehlampe. Lisa, Timmy und Ben saßen auf dem Teppich vor seinem Sessel, lauschten jedem seiner Worte, während der Regen leise gegen die Fensterscheiben klopfte. „Es gab eine Zeit“, sprach er, „da waren meine Augen mein wertvollster Besitz.“ Seine Stimme war gedämpft, aber unter der Oberfläche lag etwas Unausgesprochenes. Er erzählte von seinen Jahren als Maler. Mit leuchtenden Farben bannte er Landschaften auf Leinwände, seine Bilder wurden in fernen Städten ausgestellt und er suchte den Horizont in der Ferne. Seine Hände zeichneten Linien in die Luft, als könnte er die Bilder noch immer sehen. „Ich war in Asien“, sagte er nach einer langen Pause. „Auf einer Reise, die alles veränderte.“ Die Kinder rückten näher. „Ich habe dort jemanden kennengelernt.“ Seine Stimme wurde leiser, eine Erinnerung, die nur vorsichtig berührt wurde. „Sie war anders als jeder Mensch, den ich zuvor getroffen hatte. Ich wollte sie malen, ihr Gesicht, das Licht in ihren Augen. Doch ich habe gezögert.“ Ben wagte zu fragen: „Was ist passiert?“ Herr Grauwolf drehte die Teetasse langsam in seinen Händen. „Ein Unfall. Ein Feuer. Plötzlich war alles dunkel.“ Stille. Der Regen war das einzige Geräusch im Raum.„Ich kehrte nach Nieselburg zurück“, sagte er. „Ich hatte nichts mehr. Keine Farben, keine Formen, keine Horizonte. Also öffnete ich mein Fenster.“ Timmy runzelte die Stirn. „Aber warum?“ Herr Grauwolf lächelte. „Weil ich lernen musste, die Welt anders zu sehen.“ Seine Finger tippten leicht auf die hölzerne Armlehne. „Jeder Tropfen Regen, der auf das Dach fällt, hat einen Klang. Jeder Schritt auf der Straße erzählt mir, wer vorbeigeht. Der Wind trägt Geschichten, und wenn ich genau hinhöre, kann ich sie hören.“ Lisa sah ihn lange an. Die Kinder wünschten ein Rätsel zu lösen. Doch stattdessen hatten sie eine Geschichte gefunden. Eine, die größer war wie jede Legende, die sie sich ausgemalt hatten.

Ein Sommer voller Entdeckungen.

Die Tage verstrichen in einem endlosen Wechsel aus Niesel und Schauern, während Nieselburg in feuchtem Glanz erstrahlte. Der Regen war nicht mehr nur ein Hintergrundrauschen, sondern wurde ein Teil ihrer Welt. In den Pfützen spiegelten sich ihre Abenteuer, in den Straßen hallte ihr Lachen wider, und unter dem Dach von Herrn Grauwolfs Haus sammelten sich Geschichten wie Tropfen auf den Fensterbänken. Timmy, Lisa und Ben kamen fast täglich vorbei. Sie brachten Bücher mit, lasen ihm vor, und Herr Grauwolf erzählte ihnen von fernen Ländern, von alten Städten und grünen Hügeln, die er einst gesehen hatte. Er lehrte sie, mit den Ohren zu hören, mit den Händen zu fühlen, mit dem Herzen zu sehen. „Schließt die Augen“, sagte er eines Tages. „Und sagt mir, was ihr hört.“ Sie lauschten. Das leise Tropfen auf den Dachrinnen, das Summen einer Fliege, die entfernten Schritte auf dem nassen Pflaster. „Ihr müsst nicht alles sehen, um es zu verstehen“, erklärte er. Lisa sog die kühle, feuchte Luft ein. „Es ist, als wäre die Welt größer geworden.“ Timmy grinste. „Oder wir kleiner.“ Ben warf einen Blick auf die dunklen Wolken. „Ich hoffe, es regnet für immer.“ Herr Grauwolf lachte leise. „Vielleicht tut es das.“ Und so verging der Sommer, derweil der Regen unaufhörlich fiel, Tropfen für Tropfen, Geschichte für Geschichte.

Flüsternde Schatten

Der Regen fiel in dünnen Fäden auf Nieselburg, zog sich in glänzenden Bahnen über die Fensterscheiben und sammelte sich in dunklen Pfützen. Die Straßenlaternen warfen blasse Lichtinseln auf das nasse Pflaster, doch jenseits dieser Kreise begann die Dunkelheit, schwer, still und voller Geheimnisse. Das alte Museum stand wie ein schlafender Riese am Ende des Marktplatzes. Sein steinernes Gesicht war von der Zeit gezeichnet, die Wasserspeier auf dem Dach blickten mit blinden Augen in die Nacht. Lisa zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch. „Also gut. Wer von euch hat den Mut, zuerst nachzusehen?“ Timmy schnaubte. „Mut ist unser zweiter Vorname.“ Ben verschränkte die Arme. „Ich dachte, wir heißen Nieselburg-Detektivclub?“ Lisa verdrehte die Augen. „Dann eben dritter Vorname.“ Ein leises Flüstern ließ sie erstarren. Es war kein Windhauch, kein Rascheln von Blättern. Es war eine Bewegung, dort, wo das Licht der Laternen nicht mehr reichte. Timmy kniff die Augen zusammen. „Da war was.“ Sie standen einen Moment still, lauschten. Die Schatten bewegten sich, flackerten an der Fassade des Museums entlang. „Kein Mensch bewegt sich so“, murmelte Lisa. Ben schob sich näher an die Wand. „Dann ist es vielleicht auch keiner.“ Der Regen verstärkte sich, trommelte leise auf ihre Kapuzen. Das Museum schien zu leben, seine Fensterhöhlen starrten in die Nacht. Lisa schluckte. „Entweder wir gehen jetzt zurück, oder wir finden heraus, was da vor sich geht.“ Timmy hob die Hand. „Ersteres.“ „Letzteres“, sagte Lisa mit Nachdruck. Ben seufzte. „War klar.“ Mit angehaltenem Atem schlichen sie weiter. In Nieselburg gab es Geheimnisse, die im Dunkeln lebten. Und heute Nacht werden sie eines davon ans Licht holen.

Nächtliche Erforschung

Die Stadt lag in Dunkelheit, nur das matte Leuchten der Straßenlaternen durchbrach den Nebel, der wie ein atmendes Wesen durch die Gassen kroch. Die Pflastersteine glänzten vom Regen, und der Wind trug das entfernte Klappern eines Fensterladens durch die Stille. Timmy, Lisa und Ben bewegten sich geduckt an den Hauswänden entlang. Ihre Taschenlampen blieben ausgeschaltet, noch. Nur das leise Knistern ihrer Walkie-Talkies begleitete sie. „Wir sind gleich da“, flüsterte Lisa. Der Umriss des Museums tauchte vor ihnen auf. Es war groß, ehrwürdig, ein stummes Denkmal der Vergangenheit. Wasserspeier hockten auf dem Dach, ihre steinernen Gesichter glänzten feucht im Schein der Laternen. Die breiten Fenster waren blind vor Dunkelheit, nur das Geräusch der Tropfen, die in unregelmäßigen Abständen auf das Sims fielen, durchbrach die Stille. Timmy schaltete sein Walkie-Talkie leise. „Kein Licht, keine Bewegung. Wir gehen rein.“ Ben verzog das Gesicht. „Rein? Ich dachte, wir gucken nur von draußen.“ Lisa rollte mit den Augen. „Wenn du lieber nach Hause willst …“ „Nein, nein“, murmelte Ben, „ich bleib.“ Vorsichtig umrundeten sie das Gebäude. Die Taschenlampen waren nun an, ihre Lichtkegel schnitten durch den Nebel, warfen verzerrte Schatten auf die Wände. Dann, eine Bewegung. Ein dunkler Schemen huschte über die steinerne Fassade, schneller als der Nebel, schwerer als ein Schatten. Timmy hielt den Atem an. „Habt ihr das gesehen?“ Lisa nickte, ihre Finger umklammerten den Taschenlampengriff fester. „Ja. Da war was.“ Ben trat einen Schritt zurück. „Und wenn es… nicht menschlich ist?“ „Dann sollten wir es erst recht herausfinden“, flüsterte Lisa entschlossen. Der Regen wurde stärker. Die Tropfen klatschten auf den Boden, vermischten sich mit den pochenden Herzen der drei Detektive. Timmy hob langsam seine Taschenlampe und richtete den Strahl dorthin, wo der Schatten verschwunden war. Nichts. Nur das nasse Pflaster, der kalte Stein, die Nacht, die über ihnen hing. Doch etwas war anders. Die Luft war schwer, fast geladen, wie kurz vor einem Gewitter. Lisa trat näher an die Wand. „Hier stimmt etwas nicht.“ Timmy sah sich um. „Vielleicht sollten wir doch lieber...“ Dann hörten sie es. Ein leises Geräusch, ein Kratzen, tief aus dem Inneren des Museums. Keiner sprach. Keiner bewegte sich. Die Nacht hielt den Atem an.

geheimnisvolle Entdeckung

Der Regen rauschte, die Kinder standen vor der verborgenen Tür. Das Holz war alt, mit Moos überzogen, die Klinke kalt und feucht. Lisa drückte vorsichtig dagegen. Ein leises Knarren durchschnitt die Nacht. Dahinter lag Dunkelheit, der Staub hing schwer in der Luft. Ihre Taschenlampen tasteten sich durch den schmalen Gang. Die Wände waren mit alten Gemälden behangen, die Motive verblasst, die Gesichter darauf ausdruckslos. „Das ist seltsam“, murmelte Lisa. „Sie wirken… vertraut.“ Timmy hielt den Atem an. „Schaut mal, das hier.“ Sein Licht fiel auf ein Portrait, ein Mann mit dunklen Augen, den Pinsel in der Hand. Ben trat einen Schritt zurück. „Der sieht aus wie…“ Lisa beendete seinen Satz: „Herr Grauwolf.“ Stille. Nur das ferne Tropfen von Wasser. „Wir müssen weiter“, flüsterte sie. Und sie gingen tiefer hinein.

Verborgene Geschichten

Die Luft wurde kühler, während sie durch den schmalen Gang schlichen. Der Staub, der in dicken Schichten auf dem Boden lag, wirbelte unter ihren Schritten auf. Ihre Taschenlampen huschten über die Wände, enthüllten alte Glasvitrinen mit vergilbten Dokumenten, Karten und Objekten aus vergangenen Jahrhunderten. „Das hier… ist ein Teil des Museums“, flüsterte Lisa. Ben strich mit den Fingern über eine Plakette. „Vergessene Erfinder von Nieselburg.“ Die Buchstaben waren kaum zu entziffern. Timmy leuchtete weiter, sein Strahl glitt über ein großes, gerahmtes Gemälde. „Seht euch das an.“ Lisa trat näher, ihr Herz schlug schneller. Das Bild zeigte den Garten des Museums, in weichen Farben gemalt. Doch in der Ecke lauerte ein dunkler Schemen, genau die Gestalt, die sie draußen gesehen hatten. Ben flüsterte: „Der Schatten… war schon immer hier.“

Rätsel der Nacht

Die Kinder starrten auf das Gemälde. Der dunkle Schemen trat aus der Szene heraus, wollte er sich durch die Zeit bewegen? „Vielleicht ist es kein Schatten“, murmelte Ben. „Vielleicht ist es… jemand.“ Lisa schüttelte den Kopf. „Wir brauchen Beweise.“ Entschlossen verließen sie den Gang und schlichen zurück in den Museumsgarten. Der Regen hatte nachgelassen, doch die Luft war kühl und schwer. Timmy blieb abrupt stehen. „Da! Wieder!“ Im fahlen Mondlicht huschte eine dunkle Gestalt über die Mauer, verzerrt vom Schein der Laternen. Lisa schaltete ihre Taschenlampe ein. Der Lichtstrahl durchschnitt die Nacht, auf der Wand, war nichts. Kein Schatten. Kein Geräusch. Ben schluckte. „Es ist noch hier.“ Die Nacht hielt den Atem an. Irgendetwas wartete auf sie. Ben schluckte. „Es ist noch hier.“ Die Nacht hielt den Atem an. Irgendetwas wartete auf sie.

Geheimnis gelüftet

Die Tür des Museums knarrte, und eine Stimme durchbrach die Stille. „Was treibt ihr Kinder hier zu so später Stunde?“ Timmy, Lisa und Ben wirbelten herum. In der Tür stand der Museumswärter, ein alter Mann mit müden Augen, mit einer Laterne in der Hand. Sein Blick wanderte von ihren durchnässten Jacken zu den auf die Wand gerichteten Taschenlampen. Lisa trat einen Schritt vor. „Wir… wir haben etwas gesehen. Einen Schatten. Er war da, direkt an der Wand.“ Der Mann schmunzelte und trat aus der Tür. „Ach, ihr meint den Schatten?“ Er hob seine Laterne, drehte sich langsam um und deutete auf eine dunkle Gestalt im Garten. Die Kinder hielten den Atem an. Doch dann, der Lichtschein zeigte die Umrisse schärfer, sahen sie es. Eine Statue. Eine alte, verwitterte Steinfigur mit erhobenem Arm, deren Schatten sich durch das Spiel der Straßenlaternen auf den Mauern verzerrte. „Das war’s?“ Timmy blinzelte ungläubig. Der Museumswärter nickte. „Licht kann Dinge größer, unheimlicher machen, als sie sind. Ein Trick, den die Nacht in Nieselburg gerne spielt.“ Ben lachte erleichtert. „Und wir dachten schon, es wäre ein Geist.“ Lisa betrachtete die Statue nachdenklich. „Aber was ist mit dem Gemälde? Warum ist der Schatten dort?“ Der Wärter hob die Schultern. „Manche Rätsel haben einfache Erklärungen. Andere… warten darauf, entdeckt zu werden.“ Der Regen setzte wieder ein. Doch für die drei Detektive war die Nacht heller an wie je zuvor.

Abschied von den Regentagen.

Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Die Tage wurden heller, die Regenschauer seltener, und zwischen den Wolken blitzte erstmals seit Wochen die Sonne hervor. Die Straßen von Nieselburg trockneten langsam, doch der Duft von nassem Pflaster und feuchtem Holz blieb in der Luft hängen, eine Erinnerung an die unzähligen Regentropfen, die diesen Sommer begleitet hatten. Lisa, Timmy und Ben standen vor Herrn Grauwolfs Haus. Sein Fenster war offen, wie immer. „Ihr geht also bald zurück in die Schule“, sagte er mit einem Lächeln, sich gegen den Türrahmen lehnend. Lisa nickte. „Aber wir kommen wieder.“ Herr Grauwolf neigte den Kopf. „Ich werde hier sein.“ Es war kein Abschied für immer, aber es war das Ende eines Kapitels. Sie hatten in diesem Sommer ein Geheimnis gelüftet, und gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. In Nieselburg, der Stadt des ewigen Regens, hatten sie eine Sonne gefunden, die nicht am Himmel stand, sondern in den Herzen der Menschen, die ihnen begegneten.


Mit einem Regenschirm voller Geschichten und einem Herzen voller Abenteuer,
verbleibt Ihr Chronist der Kindheitsträume und ehemaliger Regentage.

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*Der geneigte Leser möge entschuldigen, dass wir nicht erwähnen, welche Orte, Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten im Verlaufe der vergangenen mehr als 100 Jahre, durch den ersten und zweiten Weltkrieg, viele Jahre entwickelte Sozialistische Gesellschaft und mehrerer Rechtschreibreformen verloren gingen oder geändert wurden.

Quellenangaben:
Inspiriert vom Kinderlachen und vom Regen benetzten Fensterscheiben.
Meyers Konversations-Lexikon 3. Auflage 1874 - 1884
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie

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